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Der TEACCH-Raum

Fotos (c) Oskar C. Neubauer

Ein Klassenraum ohne Bilder an den Wänden, ohne Bücher im Regal – was auf den ersten Blick aussieht, wie ein unfertiges Zimmer, ist eine eigens konzipierte Lern-Welt für Schüler, die durch visuelle und optische Reize in ihrer Umgebung oft völlig überfordert sind. Kindern mit Autismus-Spektrum-Störung fällt es schwer, Dinge in ihrer unmittelbaren Umgebung zu filtern oder auszublenden. Sie nehmen alles wahr und leben dadurch in einer permanenten Überreizung. Seit einem Jahr dürfen diese Kinder in einer für sie hilfreichen Umgebung lernen: die Hilda-Heinemann-Schule in Bochum hat einen „TEACCH-Raum“ eingerichtet, ein Alleinstellungsmerkmal dieser Förderschule in der Region Rhein-Ruhr.
„Die Anzahl der Kinder mit schweren autistischen Störungen, gepaart mit Verhaltensauffälligkeit nimmt zu“, stellt Frank Bader, stellv. Schulleiter fest. In der Vergangenheit besuchten diese Schüler nach Abschluss ihrer Schulzeit häufig entsprechende Werkstätten und brachen bereits nach wenigen Wochen Praxiserfahrung ab, weil sie sich völlig überfordert fühlten. Durch den neuen TEACCH-Raum erleben die betreffenden Schüler eine spezielle Art des strukturierten Arbeitens in einer Differenzierungsgruppe in besonderer Lernatmosphäre, sodass sie im anschließenden Unterricht innerhalb ihrer Klassenstruktur viel leichter mitarbeiten können. Kulturtechniken wie Lesen, Schreiben und Rechnen sind nicht selbstverständlich für jeden dieser Schüler. In der Hilda-Heinemann-Schule wird jedem Kind entsprechend Raum gegeben, im allerbesten Wortsinn. Die klaren Raumstrukturen, das engmaschige Ordnungssystem und die fotografisch gestalteten, individuellen Ablaufpläne für die jeweils individuelle Aufgabenstellung sorgen für eine angenehme, ruhige Arbeitsatmosphäre. Das überträgt sich auf alle Schüler, die zweimal pro Woche in diesem Raum lernen dürfen: die Verhaltensauffälligkeiten sind seitdem deutlich gesunken, berichtet Kathrin Eckhoff, seit 16 Jahren Sonderpädagogin an dieser Schule. „Der TEACCH-Raum stärkt die innere Arbeitshaltung“, ist die engagierte Lehrerin überzeugt. Von diesem Konzept profitieren alle Schüler der Schule. Es sind Kinder, die geistig behindert, schwerst mehrfach behindert, sprachlich behindert und häufig verhaltensauffällig sind. In Zeiten von Inklusion wird manchmal vergessen, dass nicht alle Kinder dieselben Fördermaßnahmen benötigen. „Keines der Kinder, die in diesem TEACCH-Raum betreut werden, könnte in einer normalen Klasse bestehen“, verdeutlicht Kathrin Eckhoff den Konflikt  „Inklusion versus Diversität“ (Vielfältigkeit).
Visualisierte Arbeitsanweisungen und selbst erklärendes Material, das in Ruhe und ohne störende Außenreize bearbeitet werden kann, machen diesen Raum bei Schülern und Lehrern so beliebt. „Die Schule besitzt viele Fachräume, doch kein einziger Raum ist so stark frequentiert wie dieser“, zieht Konrektor Frank Bader nach einem Jahr Erfahrung eine positive Bilanz. Finanziell ermöglicht wurde das Projekt durch Spenden des Fördervereins und das Engagement des Kollegiums, das viele Materialien selbst angefertigt hat. „Neue Wege wagen und gehen“, das Motto der Hilda-Heinemann-Schule wird durch den TEACCH-Raum sehr erfolgreich in die Praxis umgesetzt.