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„BLiTz“ – Lernen auch nach der Schule

Ein Erfahrungsbericht über ein berufsbegleitendes Weiterbildungsprojekt an der Schnittstelle zwischen Förderschule und Werkstatt für behinderte Menschen in Bochum

Seit 1999 existiert dieses von der Hilda-Heinemann-Schule (Förderschule mit dem Förderschwerpunkt Geistige Entwicklung) in Bochum initiierte und in Zusammenarbeit mit der WfbM Constantin entwickelte Modell, das zunächst unter dem Namen „Werkstufe in Teilzeit“ („WiTz“) firmierte und ab diesem Schuljahr als „Berufsbegleitende Lebenswegplanung in Teilzeitbeschulung“ („BLiTz“) weitergeführt und weiterentwickelt werden soll.


Ausgangsüberlegungen

Viele unserer Schülerinnen und Schüler müssen sich mit dem Verlassen der Schule und dem bald darauf folgenden Eintritt in die Werkstatt für behinderte Menschen (WfbM) auf eine zumeist vollkommen neue Lebenssituation einstellen. Dies betrifft nicht nur den Wechsel Schule-Arbeitsplatz, sondern hat zumeist Auswirkungen auf alle anderen Lebensbereiche, wie Freizeitgestaltung, Wohnen oder Fragen zu Partnerschaft, um nur einige Aufgabenfelder zu nennen, die nun nicht mehr in der „Obhut“ schulischen Lernens liegen. Zum Beispiel können die über einen langen Zeitraum hinweg entstandenen sozialen Bezüge innerhalb der betrieblichen Strukturen der WfbM kaum aufrecht erhalten werden. Aufgrund der geringeren personellen Ressourcen fehlt oft die notwendige emotionale Bindung. Hinzu kommt, dass sich oft erst am Arbeitsplatz Problemsituationen ergeben, auf die die Schule im Vorfeld mittels der obligatorischen Praktika kaum vorbereiten, und die sie im Nachhinein weder beeinflussen noch begleiten kann.
Des Weiteren sollte nicht außer Acht gelassen werden, dass die während der Schulzeit vermittelten grundlegenden Kenntnisse und erworbenen Fähigkeiten weitergehender Förderung bedürfen, damit sie nicht „verkümmern“. Lernen kann kein abgeschlossener Lebensabschnitt sein, der mit dem Ende der Schulzeit endet. Dies gilt für alle Menschen in unserer Gesellschaft, unabhängig von ihren geistigen und körperlichen Fähigkeiten.
Natürlich werden unsere ehemaligen Schüler durch eine umsichtige Vorbereitung innerhalb der WfbM in individuell gestalteter Weise zu Beginn dieses neuen Lebensabschnittes begleitet. Wir waren und sind jedoch der Meinung, dass durch den fließenden Übergang, den das zwischen Schule und Arbeitsplatz angesiedelte Projekt entstehen lässt, eine Lücke geschlossen werden kann, und dass die jungen Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen in ihrer beruflichen und persönlichen Entwicklung dadurch effizienter unterstützt werden können. Hinzu kommt, dass die durch die gemeinsame Organisation des Projekts notwendige Zusammenarbeit der Fachleute aus Schule und WfbM zu einer deutlich nachhaltigeren Vernetzung der beteiligten Akteure führt.


Rahmenbedingungen

Im Schuljahr 1999/2000 haben wir das Modell zum ersten Mal im Rahmen eines Projekts erprobt.
Damals besuchten insgesamt 12 Arbeitnehmer des Arbeitstrainingsbereiches (heute Berufsbildungsbereich, kurz BBB) der WfbM Constantin unsere Weiterbildungsmaßnahme; zwei Lehrkräfte übernahmen den Unterricht, dessen Schwerpunkte gemeinsam mit den Mitarbeitern des Arbeitstrainingsbereiches der WfbM und den Weiterbildungsteilnehmern und -teilnehmerinnen erarbeitet worden waren.
Da es sich um eine freiwillige Weiterbildungsmaßnahme im Rahmen der Erwachsenenbildung handelt, bestimmen die Teilnehmer nicht nur über die Inhalte des Unterrichts mit, sondern können die angebotenen Kurse je nach Interessenschwerpunkt wählen. Die Teilnahme ist freiwillig und kann maximal zwei Schuljahre umfassen (zeitgleich getaktet mit dem BBB). Die Schüler unterzeichnen einen Vertrag, in dem die Bedingungen für die Teilnahme und das Weiterbildungsangebot festgeschrieben sind. Inzwischen nehmen 33 WfbM-Arbeitnehmer an der Weiterbildungsmaßnahme teil, und sie werden von 4 Lehrern in jeweils 4 parallelen Kursen unterrichtet.
„BLiTz“ findet einmal wöchentlich (zurzeit am Dienstag) in den Räumen unserer Schule statt; die Weiterbildungsteilnehmer sind für die Dauer des Unterrichts von der Arbeit in der WfbM freigestellt. Sie suchen unsere Schule, insofern sie dazu in der Lage sind, mit Öffentlichen Verkehrsmitteln auf und kehren nach Unterrichtsschluss an ihre Arbeitsplätze zurück. Einige Teilnehmer werden von einem Fahrdienst, den die WfbM organisiert, zwischen Werkstatt und Schule transportiert. Der Unterricht erfolgt zum Teil in 90-Minuten-Blöcken, es stehen aber auch einstündige Kurse auf dem Plan, wie z.B. „Leben-Wohnen-Arbeit“ und „Berufsorientierung“. Zwischen den Blöcken findet noch eine Pause und eine sogenannte Gestaltete Freizeit statt, in der die Teilnehmer Gelegenheit haben, das Schülercafe´ und den Schulkiosk aufzusuchen. Zudem können sie untereinander oder mit den Schülern der Hilda-Heinemann-Schule Kontakte knüpfen; und sie können, wie die anderen Schülern auch, die Freizeitangebote der Schule wahrnehmen.



Ziele und Inhalte des Projekts


Die ehemaligen Förderschüler und -schülerinnen sind in der Regel bereits noch während ihrer Schulzeit über die Weiterbildungsmaßnahme „BLiTz“ informiert worden, und sie wird ihnen als freiwilliges Angebot unterbreitet, sobald sie in die WfbM eingetreten sind. Dort sollen sie sich zunächst im Rahmen des zweijährigen BBB orientieren und erproben, „BLiTz“ ist eine Ergänzung und begleitende Maßnahme zum BBB.
Bei vielen Schülern spielt sicher auch die Ungewissheit eine Rolle, den richtigen Ort für ihr kommendes Berufsleben gefunden zu haben; dies betrifft insbesondere ehemalige Schüler im Grenzbereich GE/LE, die mit einem Unterkommen auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt zumindest geliebäugelt haben. Der daraus resultierende Handlungsbedarf ist aber nur ein Ansatzpunkt von „BLiTz“.

Die allgemeinen Ziele des Projekts waren und sind:

  • Angebot einer berufsbegleitenden freiwilligen Kompetenzerweiterung hinsichtlich des beginnenden Berufslebens
  • Weiterbildungsmöglichkeit, die sich in individueller Weise an der Lebenssituation und den aktuellen Bedürfnissen der jungen Arbeitnehmer orientiert
  • Thematisierung akuter Problemstellungen, die mit der veränderten Lebenssituation einhergehen


Im laufenden Schuljahr werden auf der Grundlage der oben genannten Zielsetzung und auf Wunsch der Weiterbildungsteilnehmer folgende Fächer und Inhalte im Kurssystem angeboten: „Leben-Wohnen-Arbeit“, „Aktiv durchs Leben“ (umfasst den Bereich Freizeitgestaltung), „Lesen/Schreiben/Gestalten“, „Englisch“, „Mofa-Führerschein“, „Computer“, „Sport“. „Erste Hilfe“, „Rechnen“ und „Berufsorientierung“.
Die Ziele beziehen sich auf folgende Bereiche:

Leben/Wohnen/Arbeiten
WfbM und ihre Gremien
Das Kennen- und Nutzenlernen der unterschiedlichen Dienste und Gremien der WfbM (z.B. Werkstattbeirat, Sozialer Dienst), sowie des Bochumer Netzwerkes zur Berufsbildung steht hier im Vordergrund. Vermittelt durch das Lernangebot „BLiTz“ wird unsere Schule in jedem Schuljahr mindestens einmal von den beiden Werkstatträten der beiden Bochumer Werkstätten besucht. Durch die Auseinandersetzung mit der Personalvertretung der Werkstattmitarbeiter lernen die Weiterbildungsteilnehmer einerseits die zuständigen Ansprechpartner kennen andererseits eröffnet sich ihnen hiermit eine interessante und sinnvolle Tätigkeit im Rahmen der politischen Bildung in den Werkstätten. Mittlerweile besetzen eine ganze Reihe ehemaliger „BLiTz“-Schüler diese Gremien; durch das alljährliche Vorstellen im Plenum haben diese Strukturen auch einen aus unserer Sicht höheren Stellenwert in der Werkstatt erhalten.

Übergangssituation Schule/Beruf
Hier geht es um das Aufgreifen der durch die Wechselsituation entstandenen Probleme; dies geschieht in der Regel im Rahmen von individueller Beratung, in Form von Rollenspielen oder in Gesprächskreisen, in denen z.B. „erfahrene“ Werkstatt-Arbeitnehmer von ihrem eigenen Werdegang berichten. Des Weiteren werden Strategien aufgezeigt, wie Problemen am und mit dem Arbeitsplatz begegnet werden könnte.

Erwachsenengerechtes Wohnen
Das inzwischen recht differenzierte Angebot an Wohnmöglichkeiten für behinderte Menschen in Bochum ist vielen oft gar nicht oder nur in Ansätzen bekannt. Begleitet von den Lehrkräften besuchen die Teilnehmer während der Unterrichtszeit diverse Wohnformen und lernen die auf die unterschiedlichen individuellen Bedürfnisse zugeschnittenen Betreuungsstufen kennen. Für einige ist dies nicht die erste Auseinandersetzung mit dem Thema, und es zeigt sich, dass es nach dem Übergang von der Schule in den Beruf eine ganz neue, eigene Dynamik entwickelt; viele „BLiTz“ – Schüler knüpfen zum Teil schon während der Weiterbildung entscheidende Kontakte und ziehen aus dem Elternhaus aus.

Aktiv durchs Leben
In diesem Bereich der Freizeitgestaltung geht es u.a. darum, Hobbys zu entwickeln, die einen Ausgleich zum Arbeitsleben leisten könnten. Die Teilnehmer sollen unterschiedliche Spiel- und Freizeitmöglichkeiten ausprobieren, für die eigene Person etwas entdecken und Anregungen bekommen, wie man sie in den Alltag integrieren könnte. Auch der Lernbereich „Sport/Bewegungserziehung“ nimmt hierbei einen hohen Stellenwert ein. Dabei steht die Vermittlung von Freude an der Bewegung im Mittelpunkt des Unterrichtsgeschehens. Ebenso wichtig erscheint in diesem Lernfeld, präventiv mangelnde Bewegungsanreize am Arbeitsplatz auszugleichen und damit Krankheiten und Verschleißerscheinungen vorzubeugen. Dieses Unterrichtsangebot wird von den meisten Teilnehmer sehr gerne angenommen.

Mobilität
Die Vorbereitung auf das selbstständige Bewegen im öffentlichen Raum, Verkehrserziehung und die Nutzung des Öffentlichen Personennahverkehrs (ÖPNV) ist originäre Aufgabe der Schule. Auch Teilnehmern, die auf diesem Gebiet noch ausgleichbare Defizite haben, bieten wir im Rahmen des Unterrichtsangebotes einen lehrgangsbezogenen Mofa-Kurs an. Hier haben die „BLiTz“-Schüler die Möglichkeit, intensiv und auf ihren individuellen Leistungsstand bezogen im Lernbereich „Straßenverkehr“ zu lernen und dabei gezielt auf die Mofa-Prüfung vorbereitet zu werden. Für die Teilnehmer, die nicht das Anforderungsniveau für das Bestehen einer Mofa-Prüfung erfüllen, ergeben sich aus dem Unterricht viele Lernaspekte, die zu einer Kompetenzerweiterung führen und für das Verhalten im Straßenverkehr und die eigene Mobilität eine große Bedeutung haben. Mittlerweile haben aber schon eine ganze Reihe von Teilnehmern die Mofa-Prüfung bestanden und nutzen ein Mofa für den Weg zur Arbeit oder für die Freizeitgestaltung. Einige wenige Schüler hatten nach dem Erlangen der Mofa-Prüfbescheinigung sogar noch die Möglichkeit, in einer regulären Fahrschule den Autoführerschein zu erwerben. Die ehemaligen Fahrschüler, die diesen Weg gegangen sind, haben auch diese Prüfung erfolgreich absolvieren können.

Kulturtechniken und Kreativität
Hier geht es darum, die erworbenen Fähigkeiten aufzufrischen oder vorhandene Defizite so weit wie möglich auszugleichen (Kulturtechniken); dieses Angebot kann im Berufsbildungsbereich der WfbM in der Regel nicht geleistet werden, ebenso wenig wie dort Freiraum für regelmäßige Kreative Gestaltung geschaffen werden kann. „BLiTz“ bietet diese Möglichkeit, und bei einzelnen Schülern konnte ein neuer Motivationsschub hinsichtlich des Lesen- und Schreibenlernens verzeichnet werden. In der Regel wird in diesen Fällen aber auch an andere Institutionen (z.B. Volkshochschule) weitervermittelt, damit eine umfassende Erwachsenenbildung erreicht werden kann. Andere Schüler nutzen das Angebot, um sich über das Schreiben einfacher Gedichte oder das Malen von Bildern mit dem eigenen Erleben auseinander zu setzen.

Berufliche Orientierung
„Berufsorientierung“ ist ein spezielles Angebot für alle Weiterbildungsteilnehmer, die sich noch nicht mit der WfbM als Ort für die Umsetzung der eigenen Berufswünsche abgefunden haben. In letzter Zeit legen aber mitunter auch die Werkstätten Neuanfängern, denen sie ausreichend Potenzial zutrauen, über Außenpraktika den Anforderungen eines Außenarbeitsplatzes genügen zu können, eine „BLiTz“-Teilnahme nahe. Die Erarbeitung notwendiger Schlüsselqualifikationen für die von der WfbM betreuten Außenarbeitsplätze, einschließlich der realistischen Einschätzung der eigenen Fähigkeiten, ist hier das Ziel. Die Schüler werden in diesem Lernfeld in der Auseinandersetzung mit der eigenen Leistungsfähigkeit dazu gebracht, ihre beruflichen Vorstellungen und Wünsche hinsichtlich der Voraussetzungen und Chancen auf dem freien Arbeitsmarkt zu überprüfen. Hierdurch haben einige Teilnehmer festgestellt, dass sie den Anforderungen wohl doch nicht genügen und etwas mehr Zufriedenheit mit ihrem Arbeitsplatz in der WfbM entwickelt. Andere wiederum haben allerdings inzwischen schon den Weg auf den ersten Arbeitsmarkt in Form von Außenarbeitsplätzen gefunden.


Die Entwicklung des Projektes und Ausblick
Da die Maßnahme von Anfang an mit allen Beteiligten (Weiterbildungsteilnehmer, WfbM-Mitarbeiter, Lehrer) laufend evaluiert wurde, wissen wir, dass sowohl das Projekt im Allgemeinen als auch das Kursangebot im Besonderen unter den Weiterbildungsteilnehmern eine durchweg positive Resonanz fand. Dies drückt sich auch in der quantitativen Entwicklung des Projekts aus; so hat sich die Zahl der Teilnehmer und beteiligten Lehrer nahezu verdreifacht. Damit geht ein deutlich differenzierteres und flexibleres Weiterbildungsangebot einher. Auch bei den Lehrern der Förderschule und den Gruppenleitern der WfbM hat das Projekt einen hohen Stellenwert. An keiner Stelle wurde bisher die Sinnhaftigkeit und der Nutzen in Frage gestellt, fast alle begrüßten die positiven Effekte. Der Erfolg hat sicher zu einem großen Teil mit dem unmittelbaren Aufgreifen aktuell anliegender lebensrelevanter Bezüge zu tun, die sich nicht allein auf das Thema Arbeit und Beruf beschränken.
Das zunächst nur auf die Verbindung Hilda-Heinemann-Schule/WfbM Constantin beschränkte Projekt ist auch hinsichtlich der direkt und indirekt beteiligten Institutionen expandiert. Die jungen Arbeitnehmer der WfbM Altenbochum haben nun ebenso die Möglichkeit zur Teilnahme wie diejenigen der WfbM Constantin. Außerdem entscheiden sich inzwischen auch immer mehr ehemalige Schüler der Förderschule mit dem Förderschwerpunkt Körperliche und motorische Entwicklung, sowie ehemalige Schüler einer privaten, zum Teil integrativ arbeitenden Schule für diese Form der beruflichen Weiterbildung. Die dadurch entstandene relativ große Heterogenität der Schülerschaft stellt die Lehrkräfte hierbei auch immer wieder vor große Herausforderungen hinsichtlich der Anpassung der Unterrichts-Angebote.
Trotz der recht erfolgreichen Geschichte der seit nunmehr über 10 Jahren kontinuierlich laufenden Maßnahme erscheint damit eine Weiterentwicklung des Projektes zu jeder Zeit notwendig. Auch die Arbeit der Werkstätten verändert sich durch die von den Vereinten Nationen postulierte Menschenrechtskonvention bezüglich der Inklusion behinderter Menschen auf den allgemeinen Arbeitsmarkt. Diese Entwicklung bietet Chancen und Perspektiven und es Bedarf unseres Erachtens Maßnahmen wie „BLiTz“, damit man sie auch im Sinne der jungen Erwachsenen nutzen kann.

Dieser Beitrag entstand mit freundlicher Unterstützung
der Cornelsen Stiftung Lehren und Lernen